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Luga-Zytig Luga 2026

Zwischen Herausforderungen und Hoffnung

In verschiedenen Regionen der Welt, die von Konflikten und Kriegen geprägt sind, engagieren sich Angehörige der Schweizer Armee freiwillig als Peacekeeperinnen und Peacekeeper. Eine von ihnen ist Hauptmann Vanessa von Viràg. In den vergangenen Jahren war sie in Kosovo, in Bosnien und Herzegowina, im Nahen Osten sowie in Kaschmir und erzählt von diesen Einsätzen.

Luga
Luzern, Schweiz

Text: Julian Werner / Bilder: Vanessa von Viràg
Erscheinung in der Luga-Zytig, 23. April 2026

Sie sind dort im Einsatz, wo Spannungen eskalieren können: Schweizer Peacekeeperinnen und Peacekeeper. Sie unterstützen internationale Missionen, beobachten Waffenstillstände, pflegen den Kontakt zur Bevölkerung und melden Entwicklungen weiter. Ihre Präsenz trägt dazu bei, Konflikte zu entschärfen, bevor sie aufflammen. Für Hauptmann Vanessa von Viràg aus Engelberg war das der Grund, sich für diese Aufgabe zu entscheiden. Nach mehreren Jahren in der Privatwirtschaft suchte sie nach einer Tätigkeit, die Verantwortung, Sinn und ihre Begeisterung für andere Länder verbindet. 2019 führte sie dieser Entschluss zu ihrem ersten Einsatz in der militärischen Friedensförderung in Kosovo. Später folgten Missionen in Bosnien und Herzegowina, im Nahen Osten und in Kaschmir.

Kosovo: Präsenz für Stabilität

Auch mehr als 25 Jahre nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien bleibt die Lage in Kosovo sensibel. Besonders im Norden kommt es immer wieder zu Spannungen. «Viele Menschen denken, der Konflikt sei längst vorbei», sagt die 36-Jährige. «Doch die Sicherheitslage ist fragil.»


«Manchmal reicht schon unsere Präsenz, um Hoffnung zu geben.»

Vanessa von Viràg, Peacekeeperin


Genau deshalb bleibt die multinationale Mission Kosovo Force (KFOR), an der die Schweizer Peacekeeper beteiligt sind, wichtig und sorgt für ein sicheres Umfeld. Beobachtungsteams stehen im Austausch mit Behörden und Bevölkerung, um Veränderungen zu erkennen. Vanessa führte ein solches Team. «Unsere Aufgabe war es, präsent zu sein, zuzuhören und genau hinzuschauen», erzählt sie. «Manchmal reicht ein kleines Missverständnis, dass eine Situation eskaliert. Wenn man Spannungen früh erkennt und rapportiert, kann dies oft verhindert werden.»

Bosnien und Herzegowina: Frieden braucht Zeit

Ein weiterer Einsatz führte Vanessa zur EU-Mission EUFOR ALTHEA in Bosnien und Herzegowina. Auch Jahrzehnte nach dem Krieg ist Stabilität keine Selbstverständlichkeit. Schweizer Armeeangehörige unterstützen dort unter anderem mit Beobachtungsteams oder arbeiten in internationalen Stäben. «Der Wiederaufbau stabiler Strukturen dauert sehr lange», erklärt Vanessa. «Aber genau diese Arbeit verhindert, dass alte Konflikte wieder aufflammen.» Gleichzeitig profitiert auch die Schweiz: «Die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und die Erfahrungen im Einsatz bringen wertvolles Wissen zurück in die Schweizer Armee.»

Naher Osten: Beobachten und vermitteln

Noch weiter weg von der Schweiz führte Vanessas Weg in den Nahen Osten. Unbewaffnete Militärbeobachterinnen und -beobachter überwachen dort im Auftrag der UNO Waffenstillstände und berichten über sicherheitsrelevante Entwicklungen. Gemäss Vanessa bilden ihre Berichte eine wichtige Grundlage für diplomatische Gespräche. «Die Spannungen sind hoch und kleine Zwischenfälle können grosse Auswirkungen haben», erzählt Vanessa.

Die multinationalen Teams würden teilweise mehrere Tage auf abgelegenen Beobachtungsposten verbringen. «Die Spannung war spürbar», erinnert sie sich. «In solchen Momenten wird einem bewusst, was für ein Privileg es ist, in der Schweiz aufzuwachsen.»

Kaschmir: Begegnungen entlang der Waffenstillstandslinie

Eine ihrer eindrücklichsten Erfahrungen machte Vanessa in Kaschmir – einer Region, die sowohl von Indien als auch von Pakistan beansprucht wird. Nach einer mehrstündigen Fahrt entlang der Waffenstillstandslinie erreichte ihr Team ein abgelegenes Dorf. Ihre Aufgabe: patrouillieren, Zwischenfälle untersuchen und mit der Bevölkerung sprechen, um die Lage besser einschätzen zu können. Auffällig war, dass fast ausschliesslich Männer im öffentlichen Raum präsent waren. Frauen blieben im Haus oder arbeiteten auf den Feldern. «Ich habe mir vorgenommen, bei unseren Besuchen immer auch eine Frau zu treffen», erzählt sie, «doch oft war das nicht möglich.» 


«Manchmal reicht ein kleines Missverständnis, dass eine Situation eskaliert. Wenn man Spannungen früh erkennt und rapportiert, kann dies oft verhindert werden.»

Vanessa von Viràg, Peacekeeperin


Bei einem Besuch begrüsste zum Beispiel ein älterer Mann ihre Kollegen herzlich, doch als er merkte, dass auch eine Frau zur Gruppe gehört, wandte er sich ab. Für Vanessa war dieses Verhalten zunächst schwierig zu verstehen. «Ich musste lernen, die lokalen Traditionen zu respektieren, ohne meine eigenen Werte aufzugeben.» Kurz darauf lud der Mann das Team dennoch zum Tee ein – ein Zeichen der Gastfreundschaft. Später besuchten sie eine Schule. Rund 60 Mädchen umringten Vanessa, stellten Fragen und lachten. «In diesem Moment spürt man, warum unsere Einsätze wichtig sind», sagt sie. «Manchmal reicht schon unsere Präsenz, um Hoffnung zu geben.»

Eindrücke, die bleiben

Die Einsätze waren für Vanessa herausfordernd, zugleich aber auch eine grosse Bereicherung. Viele Eindrücke und Begegnungen haben ihren Blick auf die Welt nachhaltig geprägt und zeigen ihr immer wieder, wie wertvoll Stabilität und Sicherheit sind.

Denn ihre Erfahrungen zeigen: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Es braucht Zeit, Geduld und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – Tag für Tag, oft fernab der Öffentlichkeit.

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